200 Jahre Mythos

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts spielten Germanen in der Öffentlichkeit der deutschen Staaten eine untergeordnete Rolle. Das Bild der Germanen als wilde, kriegerische Siedler war vor allem durch römische Schriftquellen geprägt. Erst während der Befreiungskriege gegen Napoleon 1813 bis 1815 verbanden einzelne deutsche Schriftsteller die Kriege gegen die französische Armee mit den historisch überlieferten Auseinandersetzungen zwischen Römern und einzelnen Gruppen jenseits der römischen Reichsgrenze. Der Krieg gegen Frankreich wurde zu einem germanischen Befreiungskrieg stilisiert. Als zentrale Figur etablierte sich Arminius, den ein breites Theaterpublikum als Hermann den Cherusker kennenlernte. Dies geschah noch bevor es Forschungen zu seiner Person, dem Ort der Varusschlacht oder überhaupt zu Germanen gab. Die nationalromantische Übersetzung des antiken Germanenbildes wurde zur Grundlage für die Verklärung der Germanen als wehrhafte und vorbildliche Vorfahren der Deutschen und zum Ausgangspunkt archäologischer Forschungen.

 

 

Was den Franzosen ihr Vercingetorix ist, soll den Deutschen ihr Hermann werden.

 

 

Das frühe 19. Jahrhundert

Nationalstaatliches Denken übertrug sich auch auf die Erforschung der Vorzeit. In den deutschen Staaten bildeten sich bürgerliche Geschichts- und Altertumsvereine, welche die jeweils regionale Geschichte erforschten und archäologische Funde sowie historische Quellen sammelten. 1852 entstanden mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg überregionale Museen, die Funde aus nahezu allen deutschen Staaten sammelten und ausstellten. Einzelne Museumsmitarbeiter berieten Verlage bei den stetig umfangreicher werdenden Lexikonbeiträgen zu Germanen und dem frühen Germanien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts häuften sich die Germanendarstellungen in der bildenden und der darstellenden Kunst, wobei Funde mit Phantasieelementen kombiniert wurden.
In dieser Zeit entstand auch das Klischee der gehörnten und mit Flügeln verzierten Helme.

Spätes 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden gewaltige Mengen archäologischer Objekte ausgegraben. Dies führte zur Definition neuer archäologischer Kulturen, die man antik überlieferten Völkern zuweisen wollte. Der Fortschritt archäologischer Methodik veränderte auch in Berlin die Sammlungs- und Ankaufpolitik. So gelangten Funde aus allen Teilen Deutschlands in die Sammlung. Als nach der Reichseinigung 1871 eine gemeinsame nationale Geschichte entwickelt wurde, stiegen die Erwartungen an die Aussagekraft solcher Funde. Von der anthropologischen Bestimmung des Skelettmaterials erhoffte man sich Informationen zur ethnischen Zugehörigkeit der Toten, was auf der Vorstellung einer scharfen Trennbarkeit von Römern, Kelten, Germanen und Slawen beruhte. Diese Idee wirkte auch in der Gegenwart des Kaiserreiches und bestimmte die Bildungs- und Sprachpolitik als sogenannte Germanisierungspolitik gegenüber Minderheiten.

Diorama der „Römerschanze“ von Potsdam in der Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Diese „Römerschanze“war eigentlich eine spätbronzezeitliche befestigte Siedlung der Lausitzer Kultur. Die Siedlung brannte um 600 v. Chr. nieder und wurde erst im 6./7. Jahrhundert n. Chr. von den Slawen wieder besiedelt.  © Staatliche Museen zu berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / Jürgen Liepe

Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit Carl Schuchhardts Untersuchungen an befestigten Siedlungen der Bronzezeit und des Frühmittelalters in Brandenburg begann in Deutschland die moderne Siedlungsarchäologie. Dazu gehörte seine Ausgrabung an der bronzezeitlichen „Römerschanze“ bei Potsdam, die nie ein Römer betreten hatte. Zeitgleich fand die großflächige Untersuchung des Baugeländes für das große Klinikum in Berlin-Buch statt, die Albert Kiekebusch vom Märkischen Museum leitete. Ihre Rekonstruktionen der Siedlungsstrukturen und Hausgrundrisse widerlegten die antike Legende von den weitgehend architekturlosen Germanen. Solche Forschungen leisteten gleichzeitig Argumentationen Vorschub, nun nicht länger die mediterrane Antike zu verehren und zu erforschen, sondern die sogenannte germanische Vorzeit. Dabei wurde die Frage, welche der archäologischen Kulturen germanisch gewesen seien und von wo aus sich die Germanen über Europa verbreitet haben, zum Gradmesser des nationalen Eifers der Wissenschaftler – häufig auf Kosten ihrer wissenschaftlichen Integrität.

Schauspieler in fantasievollen „Germanen-Kostümen“ beim Dreh des Monumentalfilms „Die Hermannsschlacht“. Um 1922.
© Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Photothek Willy Römer

1933 bis 1945

Auf die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 reagierten Lexikonredaktionen und Archäologen gleichermaßen, indem sie ideologisch opportune Themen betonten. Bei Brockhaus wurde ein Ergänzungsband veröffentlicht, der erstmals das Thema „Germanische Kunst“ reich bebildert darstellte. Völkerwanderungszeitliche und frühmittelalterliche Kulturen wurden darin umfassend als germanisch vereinnahmt. Dafür konnte auch auf Untersuchungen am Berliner Museum zurückgegriffen werden, wo Wilhelm von Jenny zum germanischen Kunsthandwerk der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters forschte. Für die prachtvollen Schmuckbeigaben aus reich ausgestatteten Gräbern von Fundorten in ganz Europa fand sich trotz ambitionierter Ausgrabungen keine Entsprechung in den Siedlungen, welche den Germanen oder ihren mittelalterlichen Nachfahren zugeschrieben wurden. Auch die Ausgrabungen Wilhelm Unverzagts im damals ostbrandenburgischen Zantoch (heute Santok, Polen) oder später auf dem Bärhorst bei Nauen lieferten zwar komplexe Befunde, aber nichts Imposantes. So blieb die Überhöhung germanischer Kulturleistungen in Publikationen, Filmen und auch Ausstellungen zwischen 1933 und 1945 Propaganda.

Kinder in Kostümen der Germanen in Müncheberg, Brandenburg. Um 1930. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Photothek Willy Römer

Nachkriegszeit

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des nationalsozialistischen Deutschlands verstummte alle Propaganda zu den Germanen. Weder in Fachpublikationen noch in der ersten Nachkriegsausgabe des Großen Brockhaus war von Germanen und deren weltgeschichtlicher Bedeutung die Rede. Auch als ab 1949 in zwei deutschen Staaten damit begonnen wurde, in ideologischer Konkurrenz je eine eigene Version einer deutschen Identität zu entwickeln, spielten die aus der Antike überlieferten und einst völkisch überhöhten Germanen keine Rolle mehr. Indem man aber in der Archäologie in beiden Staaten an Forschungen aus der ideologisch vermeintlich unverdächtigen Zeit vor 1933 anknüpfte, wurden auch zum Thema Germanen zahlreiche alte Fragen und Perspektiven wieder aufgriffen und modern gewendet. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch vermied man die Bezeichnung Germanen für lange Zeit. Man sprach stattdessen von denjenigen archäologischen Kulturen und Gruppen, die im engeren Sinne als germanisch galten, so etwa der nordmitteleuropäischen vorrömischen Jastorf-Kultur oder den meist nach Flussläufen benannten archäologischen Kulturgruppen der Römischen Kaiserzeit, beispielsweise den Elbgermanen.

 

 

2. Hälfte des 20. Jahrhunderts

In beiden deutschen Staaten wurde die Frage nach den Siedlungsformen der archäologischen Kulturen, die Germanen zugewiesen werden könnten, weiterverfolgt. Besonders die Ausgrabungen auf der Wurt Feddersen Wierde (Kreis Cuxhaven) zwischen 1955 und 1963 lieferten dazu umfangreiche neue Erkenntnisse. Auf dieser Wurt wurde eine vollständige ländliche Siedlung der Römischen Kaiserzeit nachgewiesen, die zahlreiche Hinweise auf das Leben und Wirtschaften an der Küste lieferte. In der föderal und regional organisierten Bundesrepublik dominierten wirtschafts- sowie sozialarchäologische Fragen und nur vereinzelt wurde über Germanen und deren Ethnogenese diskutiert.

Dagegen entwickelte man in der DDR in der zentral an der Akademie der Wissenschaften organisierten Archäologie in den 1960er Jahren Forschungsschwerpunkte, die wieder ausdrücklich Kelten, Germanen und Slawen benannten. Die Siedlungsforschung stand auch hier im Vordergrund und von Berlin aus untersuchte man Siedlungen der Römischen Kaiserzeit wie diejenigen von Tornow, Waltersdorf und Herzsprung in Brandenburg.

 

 

 

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