Germanen in der Archäologie

Wandel in der Forschung

In der archäologischen Forschung hat sich seit dem Ende des 2. Weltkrieges der Blick auf die Germanen gewandelt. Versuchte man zuvor die historisch erwähnten germanischen Stämme anhand des Fundmaterials zu identifizieren, ging man in den 1950er Jahren dazu über, die Fundgruppen anhand ihres regionalen Vorkommens zu benennen. So entwickelten sich in der Archäologie die Begriffe wie Rhein-Weser-Germanen, die Elbgermanen, die Oder-Warthe-Germanen oder die Nordseegermanen.
Die Unterteilung erfolgte nach der Art und Form ihrer Haushaltswaren, wie die keramischen Töpfe und Urnen, oder ihrer Trachtbestandteile wie Fibeln.

Silberne Fibeln aus dem sogenannten Fürstengrab von Lübsow (heute Lubieszewo, Polen). 1. Jahrhundert n. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Jürgen Liepe

Siedlungswesen

Wenn man an Germanen denkt, hat man immer noch das Bild des Waldbewohners vor Augen, der in notdürftig errichteten Holzhütten wohnte.

Die archäologischen Spuren sprechen hingegen eine andere Sprache.

Die Häuser der Germanen waren in Siedlungsgemeinschaften organisiert. Das berühmte Wohnstallhaus, in dem Mensch und Tier unter einem Dach in abgetrennten Bereichen lebten, herrscht zwar weitestgehend vor. Aber in größeren Siedlungen konnten die Archäologen sogar ganze Festhallen entdecken, die als Versammlungshäuser oder zu repräsentativen Zwecken dienten.

Des Weiteren gab es in nahezu jeder Siedlungsgemeinschaft mehrere Grubenhäuser. Diese wurden ca. 1 Meter unter der Oberfläche eingetieft. So hatte man es im Sommer schön kühl und im Winter lag man unterhalb der Bodenfrostzone. Alle dort gefundenen Objekte deuten darauf hin, dass die Grubenhäuser für handwerkliche Tätigkeiten, wie das Weben von Textilien genutzt wurden.

Rekonstruktionszeichnung eines Grubenhauses anhand der Befunde aus der germanischen Siedlung in Berlin-Buch

Siedlungs-wesen

Gesellschaftsordnung

Den Archäologen dienen zur Deutung der Gesellschaftsordnung die Art und Weise der Bestattungen. Überwiegend herrschte in der Germania Magna die Brandbestattung und anschließende Beisetzung des Leichenbrands in Urnen vor. Allerdings gab es ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. auch außergewöhnlich aufwändig errichtete Grabhügel mit reich ausgestattetem Grabinventar. Römische Importgüter, wie Bronzekessel, bronzene Schöpfkellen und Kannen kamen in diesen Gräbern vermehrt als Grabbeigaben zum Vorschein. Diese Importgüter und die wertvollen einheimischen Beigaben sind ein Indiz dafür, dass es sich bei den dort Bestatteten um ranghohe Mitglieder der Siedlungsgemeinschaften handeln musste. Wenn nicht sogar um die Anführer, bzw. Fürsten der Gemeinschaften.

Kult und Glauben

Die Kult- und Glaubenswelt der germanischen Gruppen des 1. bis 4. Jahrhunderts n. Chr. ist ein weites Feld voll mit Spekulationen. Die antiken Schriftsteller haben die Glaubenswelt der „Barbaren“ aus dem Norden stets mit dem eigenen Götterkosmos versucht gleichzusetzen.

Kultstätten  gibt es wenige. Das Opfermoor aus dem thüringischen Oberdorla ist ein exzeptionelles Beispiel. Es wurde von der Jungsteinzeit bis hin zur Völkerwanderungszeit als Opferstätte genutzt. Hier fand man auch eine der wenigen menschlich geformten Skulpturen, die wahrscheinlich die Götter darstellen. Die sogenannten Astgabelidole, oder auch Pfahlgötter genannt,  vertraten im Moor die Götter denen man geopfert hat. Höchstwahrscheinlich erhoffte man sich von ihnen gute Ernten und Fruchtbarkeit.

Aber auch das Thorsberger Moor in Schleswig Holstein offenbarte zahlreiche Opfergaben, die eher in einem kriegerischen Kontext stehen. Hier fand man zahlreiche Waffen, die vor der Niederlegung bewusst unbrauchbar gemacht wurden.

Opferkult

„Man kann beobachten, wie bei ihnen silberne Gefäße, die man ihren Gesandten und Fürsten geschenkt hat, nicht weniger gering geachtet werden, als das, was sie aus Ton formen“
Tacitus, Germania

 

Austausch und Handel

Der Kontakt mit dem römischen Imperium beschränkte sich nicht nur auf die kriegerischen Auseinandersetzungen. Vielmehr gab es einen regen Handel und Austausch zwischen den „Barbaren“ und den Römern. Die wertvollen römischen Gegenstände aus den Fürstengräbern belegen, dass die Römer den Kontakt zu den Eliten gesucht haben. Was die Germanen dafür als Austausch angeboten haben, lässt sich nur vermuten. Antike Schriftsteller berichten von blonden Perücken, mit denen sich die Frauen der römischen High Society schmückten. Aber auch Bernstein von der Ostsee war schon seit jeher ein beliebtes und wertvolles Handelsgut. Eiserne Fuß- und Handfesseln bezeugen einen Sklavenhandel zwischen Rom und dem Norden. Zudem waren die germanischen Krieger als Hilfstruppen im römischen Heer begehrtes Personal.
Vielleicht war es auch ganz anders und die römischen Gesandten wollten sich mit den wertvollen Geschenken einen Frieden erkaufen. Dafür spricht, dass sich die römischen Importgüter als Grabbeigaben in den Fürstengräbern auffällig ähneln und fast standardisiert erscheinen.

 

 

Rom in der Germania Magna

Die Konflikte mit dem römischen Imperium blieben natürlich nicht aus. Zu sehr expandierten die römischen Legionen in die Germania Magna hinein. Die Varusschlacht um 9 n. Chr. ist wohl das berühmteste Beispiel dafür. Es folgten zahlreiche schriftlich belegte Vergeltungszüge seitens der Römer unter Drusus und Tiberius, der später auch Kaiser des Römischen Reichs wurde und Augustus nachfolgte.
Um 235 n. Chr. bereitete der frisch zum Kaiser ausgerufene Maximinus Thrax einen Feldzug in Germanien vor, bei dem es zu einem heftigen Aufeinandertreffen zwischen den römischen Legionen und den germanischen Gruppen kam. Der Ort der Schlacht konnte 2008 im niedersächsischen Harzhorn, 20 km westlich von Goslar, entdeckt werden. Die Funde und deren Streuung im Gelände zeigen eine vernichtende Niederlage der Germanen auf.
Nichtsdestotrotz zog sich einige Jahrzehnte danach das Römische Imperium weitestgehend hinter den Rhein und die Donau zurück.

Germanen gegen
Germanen

Die sehr hohe Anzahl an Waffenfunden in den norddeutschen und südskandinavischen Opferplätzen aus dem 2. und 3. Jahrhundert sind ein Indiz für eine konfliktreiche Zeit.
Die Untersuchungen der Waffen offenbarten, dass sie aus germanischer Produktion kamen. Im Thorsberger Moor bei Süderbrarup, Kreis Schleswig-Flensburg, zeigten sich drei Phasen. Im 2. Jahrhundert n. Chr. stammte ein Großteil der geopferten Waffen aus dem Gebiet der Elb- und Ostgermanen. Im 3. Jahrhundert aus dem westlichen Ostseegebiet und schließlich zu Beginn des 4. Jahrhunderts aus dem ostdänischen und südschwedischen Bereich.